Brigitte Grawe Fotografie & Blog

WeltkulturerbeStadt Brügge

Neulich war ich endlich wieder mal in Brügge. Die Hauptstadt der Provinz Westflandern  ist ein reizvolles Fotomotiv. So stand sie schon länger auf meiner Liste. Zuletzt war ich als Kind oder Jugendliche dort. Erinnern kann ich mich ehrlich gesagt nicht wirklich. Diesmal reiste ich als Fotografin an. Entsprechend ausgerüstet erkundete ich die wunderschöne Stadt und ihr einzigartiges Flair. Zu sehen gibt es mehr als genug und so entstand die erste von insgesamt drei geplanten Fotoreihen.

Wie vor jeder Fototour hatte ich mich auch diesmal  im Vorfeld intensiv mit der Stadt und ihrer Geschichte vertraut gemacht.  Für mich ist diese Art der Vorbereitung enorm wichtig; egal wohin die Reise geht. So packe ich nicht nur meine jeweilige Ausrüstung in den Rucksack, sondern auch stets ein gehöriges Paket Wissen dazu. Je mehr, desto besser! Das kommt einerseits meinem ständigen Wissensdurst entgegen und andererseits kann ich als Fotografin besser arbeiten. Man erspürt einen Ort ganz anders, wenn man dessen Geschichte kennt.

Brügge und seine Geschichte

Der Ursprung Brügges geht auf das 2. Jahrhundert zurück. Zu dieser Zeit entstand hier eine gallo-römische Siedlung. Damals ansässige Händler und Landwirte machten sie schnell zum Handelspunkt für England und Gallien. Ihren Namen erhielt sie jedoch erst  im 9. Jahrhundert; Bryggia. Das ist ein Begriff aus dem Germanischen und bedeutet Landungsbrücken. Bryggia galt als sicherer Ort, und so siedelten hier viele Handwerker und Händler an. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Gotteshäuser; Salvator-Kirche und Kirche Unsere Liebe Frau. Doch erst im Jahre 1128 durfte sich Bryggia auch als Stadt bezeichnen.

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Im 9. Jahrhundert errichtete der Graf von Flandern, Balduin II.,  hier seine Festung. Schicksal und Werdegang der Stadt sind allein durch ihre Lage und eine Naturkatastrophe begründet. Im Jahre 1134 entstand nach einer gewaltigen Sturmflut  eine breite Wasserschneise an Land. Für Brügge war das ein Glücksfall. Der neu entstandene Meeresarm, Zwin genannt, schuf mit der bereits durch die Stadt fließenden Reye eine Verbindung zum Meer. Große Schiffe konnten die Stadt nun anlaufen. Dieser Seeweg verhalf Brügge zu einem bedeutenden Platz für den Handel.  Die berühmten flandrischen Tücher wurden von hier nach ganz Europa verschifft. Andere Handelsgüter folgten. Die erste Handelsmesse fand 1200 statt.  Im Jahr 1235 eröffneten deutsche Kaufleute eine Handelsniederlassung. Damit war Brügge nun Hansestadt, und von den damals insgesamt vier Hansestädten die umsatzstärkste. Die zahlreichen Mitglieder der Hanse hatten aufgrund ihrer Wirtschaftskraft auch großen politischen Einfluss. Das sorgte im Laufe der Zeit für viele Konflikte mit der Stadt.

Im 13. Jahrhundert war Brügge das wichtigste Handelszentrum und reichste Stadt Nordwesteuropas.  1309 entstand die erste Börse der Welt  im Hause der Kaufleute Van der Beurse. Für den englischen Handel wurde Brügge schnell unverzichtbar. Viele Menschen  zog es nach Brügge. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts sollen ca. 80.000 Einwohner hier gelebt haben. Für damalige Zeiten ist das eine beachtliche Anzahl.

Kaufleute vieler europäischer Länder trafen sich nun in Brügge Die Fürsten von Burgund ließen sich in der Stadt nieder. Sie sorgten für  weiteren Reichtum der Stadt. Neben dem Handel erlebten auch die schönen Künste ihre Blüte. Einheimische Maler konnten unter besten Bedingungen arbeiten und schufen einen neuen Stil; die sogenannte niederländische Schule. Brügge wurde zum Zentrum flämischer Künstler. Das zog auch Maler aus Deutschland und Italien an.

Im 15. Jahrhundert erlebte Brügge sein goldenes Zeitalter aber im späteren Verlauf auch seinen Untergang. Nach dem Tod der Herzogin Maria von Burgund im Jahre 1482 verließ der burgundische Hof die Stadt. Ihm folgten Händler aus aller Welt. Dazu kam, dass im Landesinnern gelegene Flüsse zunehmend Sand in die Zwin spülten und dadurch Untiefen erzeugten.1488 verfügt Kaiser Maximilian, dass ausländische Handelsleute ihre Kontore nach Antwerpen verlegen sollten. Im 16. Jahrhundert war die Zwin schließlich komplett versandet. Die Handelsmetropole verlor damit ihren Zugang zum Meer und kam vollständig zum Erliegen. Die ehemals so reiche Stadt verarmte. Hugenottenkriege und die Auswirkungen wechselnder Machthaber ließen Brügge dann in den folgenden Jahrhunderten regelrecht verelenden. Nach 1930 wurde sie Teil des Königreichs Belgien. Der Aufschwung begann jedoch erst Ende des 19.Jahrhunderts;  kurioserweise aufgrund eines Romans.

1892 erschien das Werk des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach mit dem Titel: Bruges la Morte. (Das tote Brügge). Darin stehen die Stadt und ihre Verlassenheit symbolisch  für die Personifizierung des Todes. Die melancholische, düstere Beschreibung der ehemals so erfolgreichen Handelsmetropole sowie 35 hinzugefügte Fotografien schenkten der Stadt plötzlich neue Aufmerksamkeit. So erholte sie sich langsam wieder. Um eine wirtschaftliche Perspektive zu erhalten, begann man im Jahre 1896 mit dem Bau eines neuen Hafens; Zeebrügge. 1907 erhielt Brügge damit wieder Zugang zum Meer. Doch es sollte noch ca. 70 Jahre dauern, bis der Hafen seinen Zweck erfüllte. Heute ist er der zweitgrößte Hafen Belgiens und einer der modernsten in Europa.

Brügge heute

118.053 Einwohner zählt Brügge , und ist nicht nur Haupt- sondern auch die größte Stadt der Provinz Westflandern. Weder Kriege noch große Brände haben Brügge jemals zerstört. Aufgrund des jahrhundertelangen Stillstands und der daraus resultierenden Armut traten keine baulichen Neuerungen ein. So ist der mittelalterliche Stadtkern nicht nur unverändert erhalten, sondern zählt auch seit dem Jahre 2000 zum Weltkulturerbe.  Im Jahr 2002 war Brügge zudem Europäische Kulturhauptstadt. Diesem Namen machen auch 16 Museen alle Ehre. Heute lebt die Stadt in erster Linie vom Tourismus, und ist bekannt für ihre kulinarischen Genüsse. Etwa 4 Millionen Besucher zählt die Stadt jährlich, und das hat einen guten Grund. Das heutige Brügge und seine mittelalterlichen Gassen, pittoresken Grachten und geschichtsträchtigen Bauten begeistert, sobald man einen Fuß hineinsetzt.  So ging es auch mir …

Start meiner Tour war der Beginenhof Ten Wijngaarde. Diese Sehenswürdigkeit kann ich sehr empfehlen. Es ist ein wunderbarer Gegensatz zum wuseligen Treiben in der Altstadt, die man leider überlaufen nennen muss – zumindest in den Ferien. Da bietet der Beginenhof einen erholsamen Ort der Stille, an dem man wieder, bzw. zwischendurch zur Ruhe kommen kann:

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Unübersehbares Wahrzeichen der Stadt ist der Belfried (Belfort), erbaut im 13. Jahrhundert,  mit einer Turmhöhe von 83 Metern. Er steht auf dem großen Markt und wirkt unverhältnismäßig groß zum Rest des Gebäudes sowie der umliegenden Architektur. Beinahe gewinnt man den Eindruck, als könne ihn das ‚kleine Haus‘ darunter kaum tragen. Die neogotische Krone aus Stein ist aus dem Jahre 1822. Nachdem zuvor dreimal die hölzerne Spitze durch Brände zerstört wurde, entschied man sich für diese sichere Variante. Belfriede sind übrigens keine Sakral- sondern sogenannte Profanbauten. Es sind flandrische Glockentürme, deren imposante Höhen typisch sind. Sie standen symbolisch für Freiheit, Wehrhaftigkeit und Reichtum und symbolisierten die Macht des Bürgertums.

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Der große Markt lässt die Erfolge der einstigen Wirtschaftsmacht erahnen. Im Mittelalter war er mit dem Schiff erreichbar. Händler trafen sich dort zum Verkauf ihrer Waren. Hier steht auch das prächtige Rathaus:

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Ehemalige Zunfthäuser reihen sich ringsum aneinander:

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Wie gemalt schmiegen sich die Grachten, genannt Reien (nach der Reye), ins Stadtbild. Der Fluss wurde im 12. Jahrhundert vollständig kanalisiert. Die so entstandenen Wasserwege verbinden Brügge mit dem Meer. Ehemals dienten sie der Stadtverteidigung sowie dem Transport von Waren. Hier zu sehen, der berühmte Rozenhoedkaai:

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Typisch für das Stadtbild und in großer Zahl unterwegs; Pferdekutschen. Ob das tierfreundlich ist, sei dahingestellt:

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Mir persönlich war der Trubel in der Innenstadt zu viel. So habe ich mich in den eher abseits gelegenen Gassen umgesehen:

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Die Einkaufsstraßen bieten alle Arten von Geschäften und laden zum Bummeln ein:

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Auch Naschkatzen und -kater kommen hier auf ihre Kosten:

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Zum Ausklang war ich am Minnewater, dem „See der Liebe“. Er liegt im Süden der Stadt, umgeben vom Minnewaterpark. Es ist einer der romantischsten Orte Brügges:

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An dieser Stelle möchte ich den Beitrag zu Brügge beenden. Der kurze Ausflug in die Geschichte der Stadt hat Sie vielleicht neugierig gemacht? Mehr Fotos zum Beginenhof, den malerischen Grachten, Gassen und  Plätzen sehen Sie in meinem Portfolio unter der Kategorie Brügge. Da ich an einem Tag nicht alles fotografieren konnte, werde ich Im Oktober noch einmal dorthin reisen. Es lohnt sich also, dann wieder hereinzuschauen.

 

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