Brigitte Grawe Fotografie & Blog

NDSM – MediaWharf

Am Nordufer der IJssel in Amsterdam liegt die ehemals größte Schiffswerft Europas; NDSM. Das riesige Gebiet in Amsterdam Noord ist heute ein lebendiger Hotspot für Kreative. Künstler aller Art, Architekten und Start-ups haben sich hier niedergelassen. Der Musiksender MTV hat hier seinen Hauptsitz. Hippe Beachclubs, Cafés und Restaurants sind ebenso besonders wie der ganze Ort. Auch eine Skaterbahn gibt es. Ein – wie ich finde – beinahe schon must-see für Amsterdam-Besucher.

Die Werft

Die Werft NDSM geht auf die Fusion der Nederlandse Scheepsbouw Maatschappij (NSM) und Nederlandse Dok Maatschappij (NDM) im Jahre 1946 zurück. Die insgesamt drei zugehörigen Werften bauten und reparierten riesige Schiffe bis hin zu Supertankern. Der Erdölkonzern Shell ließ hier einige seiner Rohöltanker bauen. Ein Beispiel ist die Diloma; das bis dato größte Tankschiff, das in den Niederlanden gebaut wurde. Mit mehr als 70.000 Tonnen Tragfähigkeit, einer Länge von 244 Metern und Breite von über 33 Metern wurde sie 1965 zu Wasser gelassen. Ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte der Werft ist die Melania. Dieser Tanker wurde aufgrund seiner Größe in zwei Teilen gebaut, die man später zusammengeschweißte. Insgesamt wies er eine beachtliche Länge von 325.26 Metern auf. Seine Tragfähigkeit betrug 212.759 Tonnen.

Die NDSM Werft erhielt nicht nur inländische, bzw. königliche Aufträge. Auch ausländische Reeder ließen hier arbeiten. Doch im Laufe der Zeit gerieten die Werften in ganz Europa mächtig unter Druck. Die japanische Konkurenz arbeitete nicht nur kostengünstiger, sondern war technisch besser ausgestattet für den Bau solcher Riesentanker.  So verlagerten sich immer mehr Aufträge in den Fernen Osten. In der Folge wurde der Schiffsbau der NDSM im Jahre 1978 eingestellt. Ein Jahr später wurde die Nederlandse Scheepsbouw Maatschappij (NSM) gegründet. Doch auch diese ging 1984 in Konkurs.

Die rettende Idee

Die nun leerstehenden Gebäude der Werft wurden von Hausbesetzern, meist Künstler, wieder mit Leben gefüllt. 14 Jahre später, 1998, ließ die Stadt 12 besetzte Häuser räumen. Die davon ebenfalls betroffene Amsterdamerin Eva de Klerk hatte daraufhin die rettende Idee. Sie rief die Künstlervereinigung Kinetisch Noord ins Leben und erarbeitete einen Plan für die kulturelle Nutzung des Geländes. Im Rahmen eines Wettbewerbs der Stadt gewann das Konzept. Es gab einen Nutzungsvertrag und Fördermittel in Millionenhöhe. So entstand die heutige MediaWharf.

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Mit der Fähre kann man kostenlos nach Amsterdam Noord übersetzen. Die Anlegestelle ist gleich hinter der Centraal Station links. Auf dem etwa 15minütigen Weg vergisst man schnell das Bild der mittelalterlichen Gassen und Grachten im Zentrum Amsterdams. Vorbei an moderner Architektur sieht man schon bald das Wahrzeichen des Geländes; es ist der alte Werftkran Nr. 13.  Dazu später mehr.

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Auf dem Weg zur Anlegestelle NDSM passiert die Fähre mehrere Schiffe. Unübersehbar; das Hotelschiff Amstel Botel:

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Mit dem Verlassen der Fähre ist man gleich mitten drin.Etwas unschlüssig, welche Richtung ich einschlagen sollte, entschied ich mich dann für die linke Seite und die dort liegenden Schiffe.

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Dann wandte ich mich der entgegengesetzten Seite zu und lerkundete das Gelände Richtung Kran. Und ich war direkt begeistert; Kunst wohin man sieht. Als Künstlerin fühlte ich mich gleich richtig und war entsprechend neugierig, was die niederländischen Kreativen hier so treiben. Was gleich auffällt; hier ist jede verfügbare Fläche mit Graffitis versehen:

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Highlight des Geländes ist sicherlich die ehemalige Werfthalle. Hinter dem mächtigen Eingangstor eröffnet sich eine eigene Welt; alte Stahlkonstrukte, Rohre, Rigipswände und kreativ gestaltete Container. Die „Kunststad AmDock“ ist hier entstanden. Rund 200 Künstler, Gründer und Architekten haben hier eine beneidenswerte Kreativstätte gefunden. Dazu gibt es Raum für Theatervorführungen. Jeder Container ist mit Strom und Wasser versorgt, die Gestaltung ist frei. Das schafft eine inspirierende Atmosphäre. Da meine Zeit leider etwas begrenzt war, konnte ich nicht so tief eintauchen ,wie ich es gerne getan hätte. Die Vermischung von Industriegeschichte und zeitgenössischer Kreativität ist so – auch in der Größenordnung – wohl einzigartig in Europa. Glücklicherweise werde ich für ein Buchprojekt mindestens ein Jahr lang regelmäßig in Amsterdam sein. Das bietet sicherlich Gelegenheit für eine ausgedehntere Erkundung.  Und vielleicht wird dabei auch der ein oder andere Gesprächskontakt entstehen.

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Wieder im Freien, laufe ich Richtung Ablaufplatz.. Hier wurden früher die Ozeanriesen vom Stapel gelassen. Heute bieten die Flächen reichlich Platz für Events jeglicher Art.

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Dort entdeckte ich auch, was ich im Internet bereits gesehen hatte und unbedingt fotografieren wollte; ausgediente, historische Trams. Auch sie dienen, liebevoll gepflegt, als kreative Arbeitsplätze.

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Gleich dahinter steht der ehemalige Verladekran Nr. 13. Für seine Nutzung fand sich Dank eines vermögenden Privatinvestors eine originelle Lösung; er wurde zum Hotel umgebaut. Dazu wurde er komplett auseinandergenommen, saniert, um- und später wieder aufgebaut. Im Crane Hotel Farfalda kann man drei luxuriöse Suiten buchen. Auf der obersten Plattform in 50 Metern Höhe befindet sich für die Hotelgäste ein Jacuzzi mit 360 Grad-Panoramablick. Der Kran dreht sich zur Gewährleistung seiner Standfestigkeit mit dem Wind.. Da ist sicherlich eine ausgeklügelte Technik notwendig. Kein Wunder, dass an diesem Projekt 30 Firmen beteiligt waren. Einzigartig ist das übrigens nicht. In Harlingen, NL kann man bereits seit vielen Jahren in einem Hafenkran übernachten.

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Mein Rundgang führte mich auf dem Weg zurück zum Fähranleger erneut an Schiffen vorbei:

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Schön war mein Aufenthalt auf der ehemaligen Werft. Viel zu schnell vergingen die wenigen Stunden, die ich dort verbringen konnte. Mit einem letzten Blick zurück verlasse fahre ich mit der Fähre Richtung Centraal Station diesen inspirierenden Ort viel zu früh wieder. Doch eines weiß ich; ich komme wieder – schon bald.

Sehen Sie auch meine Fotoserie zum Beitrag: NDSM: früher Werft – heute Kunst

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