Brigitte Grawe Fotografie & Blog

Glasgow

Glasgow ist mit fast 600.000 Einwohnern die größte Stadt Schottlands, und die drittgrößte Großbritanniens. Nur 60 km von Edinburgh entfernt, ist sie jedoch das genaue Gegenteil. Keine Burgen und Schlösser haben die Stadt geprägt, sondern Industrie. Der Ruf der ‘dreckigen Arbeiterstadt’ haftet bis heute an ihr, obwohl sie 1990 zur ‘European City of Culture’ und 1999 zur ‘City of Architecture and Design’ ernannt wurde. Auch den Glaswegians (Bewohner Glasgows) eilt ein besonderer Ruf voraus; rau und hart sollen sie sein, aber doch liebenswürdig und witzig. Ihre als Rottweiler-Gebell verspottete Sprache versteht außerhalb der Stadt kaum jemand.

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Es ist eine Stadt, die auf eine lange Geschichte zurückblickt und viele Höhen und Tiefen erlebt hat. Im 6. Jahrhundert wurde sie durch den katholischen Missionar Sankt Mungo gegründet. Er nannte sie liebevoll “glas ghu“; geliebter grüner Flecken. Ungefähr 100 Jahre später war Glasgow bereits ein bedeutendes religiöses und akademisches Zentrum. Die verkehrsgünstige Lage am Clyde war ideal. Die Atlantiküberquerung war gegenüber London oder Bristol um ein bis zwei Wochen kürzer. So konnte ein wichtiges Handelszentrum entstehen. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich der Schiffsbau mit den ersten Werften schnell und innovativ; bald schon nahm Glasgow eine internationale, innovative Führungsposition ein. Die Schiffsbauer galten als die besten der Welt. Sie waren u.a. wegweisend in der Verwendung von Eisen und Stahl für Schiffsrümpfe. Arbeiter aus Schottland, Irland und dem übrigen Europa kamen ins aufblühende Glasgow. Im Jahre 1913 arbeiteten in der Werftindustrie am Clyde 60 000 Menschen in 39 Werften, und die Stadt hatte zu diesem Zeitpunkt 785 000 Einwohner. Im Zusammenhang mit dem Schiffbau bildete sich als weiterer wichtiger Industriezweig der Lokomotivbau heraus. Erste Lokomotivfabriken waren bald schon von großer Bedeutung. Die pulsierende Industriestadt wurde zu einer der reichsten der Welt.

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Amerikanischer Tabak war im 18. Jahrhundert das Haupthandelsgut. Der schnelle Zugang zum Atlantik ermöglichte einen problemlosen Import, den die ‘Tobacco Lords’ in ganz Europa verkauften. Das änderte sich Anfang des 19. Jahrhunderts nach der amerikanischen Unabhängigkeit. Baumwolle löste den Tabak als wichtigstes Importgut ab, und so entwickelte sich Glasgow zu einem der wichtigsten Standorte der Baumwollverarbeitung. Doch ca. 500 Jahre später erlag sie der übermächtigen Konkurrenz aus Lancashire (Manchester). Aufgrund der lokalen, reichhaltigen Kohlevorkommen und Eisenerze wandte sich die Stadt nun der Schwerindustrie zu. Aus der vorindustriellen Kleinstadt regionaler Bedeutung wurde „die zweite Stadt des Empire“.  Ihr Wohlstand spiegelte sich im Städtebau wieder; es entstanden prächtige Bauten, Parks, Museen und Bibliotheken. Sogar die Fabriken ließen an ihrer Bauweise den Reichtum erkennen. Erste große Industrieausstellungen fanden statt und Galerien siedelten sich an. Glasgow wandelte sich zu einem wichtigen kulturellen Zentrum.

Der erste Weltkrieg leutete den Niedergang der blühenden Wirtschaft ein. Billige Arbeitskräfte außerhalb Glasgows und wachsende Stahlmärkte in Deutschland und den USA waren eine zu starke Konkurrenz. Auch der Zusammenbruch des Empires hatte Auswirkungen. Die einsetzende Rezession hatte ab ca. 1910 einen rasanten Einbruch zur Folge. Eine enorme Massenarbeitslosigkeit setzte ein; es entstanden ‘Slums’, die von Armut und Agression geprägt waren. Die Stadt drohte zu zerfallen. Dieser Zustand sollte länger anhalten, erst in den 1980er Jahren waren wieder leichte Aufschwünge zu erkennen. Schließlich besann sich die Stadt auf ihre kulturelle Bedeutung. Sie investierte viel Geld in die Restaurierung der Gebäude und war bemüht sich vom schlechten Image zu befreien. Die Verleihung des Titels ‘Europäische Kulturhauptstadt 1990′ war die endgültige Wende. Heute besitzt Glasgow u.a. eine beeindruckende, berühmte Kunstsammlung, die in insgesamt 13 Museen ausgestellt wird. Eine interessante Kunstszene hat sich hier gebildet, auch Dank der angesehenen School of Art, die Studenten und Künstler aus aller Welt anlockt. Alles in allem haben die Veränderungen der letzten 20 Jahre die Tourismusbranche kräftig  angekurbelt. Meines Wissens arbeiten heute ca. 50.000 Menschen alleine in diesem Sektor.

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Glasgow geht es scheinbar wieder gut; doch es gibt auch die andere Seite. Es gibt immer noch Stadtteile, die von Verfall, sozialem Elend, hoher Kriminalität, Drogenmissbrauch und Armut geprägt sind. Einige der ärmsten Wahlkreise des Landes findet man hier. Der Stadtteil Calton ist der am Schlimmsten betroffene; nur wenige Schritte vom wohlhabenden Zentrum entfernt leben dort die Menschen mit der niedrigsten Lebenserwartung Europas. Man spricht vom “Glasgow-Effekt”. Die Hälfte der Männer stirbt vor ihrem 53. oder 54. Geburtstag. Schuld daran sind in erster Linie Drogen- und Alkoholmissbrauch. Hinzu kommt eine ungewöhnlich hohe Zahl an Tötungsdelikten; eine traurige Kehrseite mit wenig Aussicht auf Besserung.

Leider haben wir nur wenige Stunden in Glasgow verbracht. Die Zeit war viel zu kurz, um einen umfassenden Eindruck zu bekommen. Nachdem wir unweit der Central Station endlich ein Parkhaus gefunden hatten, machten wir uns auf den Weg, Glasgow zu erkunden. Was wir sahen, war eine Stadt voller spannender Kontraste; eine Mischung viktorianischer Prachtbauten, modernster Architektur und langweiliger Kästen. Die vielen Sandsteingebäude des 18. und 19. Jahrhunderts wurden inzwischen weitgehendst von Staub und Ruß des Industriezeitalters befreit. Leider waren der historische George Square und City Chambers komplett von einem Bauzaun  umgeben.

Leioder vom Bauzaun umgebenDarüber hinaus scheint die Stadt aus nicht enden wollenden Einkaufsstraßen zu bestehen. Ich kann gar nicht mehr sagen, wieviele es waren. Wir mussten acht geben, nicht die Orientierung zu verlieren. Glasgow hat die besten und meisten Läden Großbritanniens außerhalb Londons. Schade, dass uns die Zeit fehlte, die vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besichtigen. Ich hatte mir spektakulärere Fotomotive gewünscht. Am Ende saßen wir müde am ehemaligen Bahnhof St. Enoch in der Sonne, genossen kühle Getränke und beobachteten den Trubel um uns herum. Die Stadt war voller Menschen; Einheimische, Touristen und Studenten bevölkerten Straßen und Geschäfte. Auch hier begegnete uns die herzliche Freundlichkeit der Schotten. So nahmen wir noch etwas von der sonntäglichen Atmosphäre Glasgows in uns auf, bevor wir uns wieder auf den Weg nach Edinburgh machten. Dass wir nur die innerstädtische Shoppingmeile gesehen haben, hinterließ eine gewisse Unzufriedenheit. D.h. zwangsläufig; ein zweiter Besuch wird definitiv  in die nächste Schottlandreise mit eingeplant.

Die Fotoserie dazu finden Sie hier: Glasgow – Stadt der Kontraste

 

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